Die Natur ist masslos

Die Natur ist masslos

Und was ein Lebensmittel-Anarchist damit anfangen kann!

Dieser Beitrag ist im Und-Heft #5 – beziehungsweise erschienen. Vielen Dank.

…und sie fordert uns gewaltig. Kein Jahr gleicht dem Anderen – einmal schenkt sie uns Massen, dann wieder muss sie sich um jeden Apfel bemühen. Unser Anspruch ist aber ein Anderer. Wir wollen immer alles gleichzeitig haben, denken nicht darüber nach in welcher Jahreszeit wir gerade sind, oder was die Tiroler Natur uns geben kann. Es ist auch jedem überlassen seine Ansprüche zu leben.

Für mich hat sich die Einstellung zur Natur und zu Lebensmitteln jedoch mehr und mehr radikalisiert. Je mehr ich weiss, je mehr ich beobachte, je mehr ich genieße, umso weniger will ich Fleisch aus Massentierhaltung essen, umso weniger will ich konventionell gespritztes Obst essen, umso weniger will ich einfach irgendetwas essen. Das geht soweit, dass beim Beißen von Fleisch mir das Tier vor Augen steht, beim Kauen eines Apfelbissen Fehlgeschmäcker überhand nehmen, die kraftlose aufgeblähte Konsistenz des Fruchtfleisches mir den Genuss verdirbt, sodass ich den Bissen am Liebsten nicht mehr schlucken, sondern ausspucken möchte.  Natürlich kann man nun sagen, die spinnt, die überdreht, die schnappt über – aber man kann es auch umdrehen – man kann sagen, es ist Achtsamkeit, – Achtsamkeit, die Entscheidungen fordert. Denn wer vor lauter Geschwindigkeit, vor lauter Oberflächlichkeit keine Wahrnehmung mehr hat, sondern nur nach Adrenalin oder Plan rennt, der kann auch nicht mehr entscheiden, ist überfordert mit ganz grundsätzlichen Dingen des Lebens, der „konsumiert“ im wahren Sinn des Wortes. Natürlich kann auch Achtsamkeit überfordern, denn sie ist intensiv und verlangt alles vom Menschen. Denn was geht uns näher als sich etwas „einzuverleiben“ in Körper und Seele? Körperlich durch Essen und Trinken oder geistig durch externe Reize, Werbung, vermeintliche Konsumzwänge? Achtsamkeit ist Voraussetzung um zu entscheiden.

In dem ich mir die Freiheit nehme achtsam zu sein, und nicht einfach zu konsumieren, revoltiere ich gegen unsere schnelllebige machtdurchwobene Konsumwelt. Der Lebensmitteleinzelhandel und die Agroindustrie (wozu ich auch einen Großteil der Landwirtschaft in Österreich zähle) gibt uns vermeintliche Freiheit, Produkte zu wählen. Diese drückt sich aus in 10 und mehr verschiedenen Milchsorten im Regal, oder in billigen Massenprodukten, sprichwörtlich ohne „Wert“ und Wertschätzung für Produzent, Tier, Pflanze, Natur. Wenn ich mich als Konsumentin nicht an diese Spielregeln halte und zum Beispiel eine Food Coop aufbaue, dann reagieren die etablierten „Versorger“ oder grossen Konzerne sofort über Wirtschaftskammer mit Klagen und rechtlicher Gegenwehr (bspw. Oberösterreich). Die Mehrheit einer Gesellschaft darf sich auch nicht gegen Pestizide entscheiden (bspw. Mals). Die „gewährte Wahl-Freiheit“ des LEH ist also nur so lange gewährt als keiner wirklich Gebrauch davon macht. Lehnt der Konsument nämlich alle 10 Milchsorten im Regal ab, nimmt er sich wirklich Freiheit – er wird unkontrollierbar, ist nicht mehr steuerbar, er mischt sich effektiv in ein System ein, bricht Machtstrukturen auf. Auf den Punkt gebracht ist er ein „Lebensmittel-Anarchist“. Denn er definiert seine Beziehung zu seinen Lebensmitteln neu und selber. Er definiert nicht nur über den Preis oder im Besten Fall über Auslobung was er essen will, er definiert seine Beziehung bis hin zum Produzenten, und tritt in eine Beziehung mit diesem und seinen Werten. Schließlich sind Lebensmittel Ausdruck unseres Wertesystems.

Hans Saner, ein Schweizer Philosoph, hat sich Gedanken gemacht zu einer „societas oecologica“, das wäre eine Gesellschaft, die über den Menschen hinausgeht, deren Fundament die Öko-Ethik wäre. Diese bedürfte radikaler Entscheidungen, zu denen die Politik keines Staates auf der Erde wohl fähig ist. Denn wie er sagt, endet alle voreilige Versöhnung mit der Natur im Öko-Kitsch. Grundsätzlich sagt er: „Leben ist parasitär: Das Organische nährt sich wieder aus Organischem oder aus Anorganischem“. Das leuchtet mir ein.

Werte einer societas oecologica wären:

  1. Die Erhaltung der Biosphäre, sofern dies in der Macht des Menschen liegt.
  2. Die Erhaltung der Bewohnbarkeit der Erde – was, von einer kosmischen Katastrophe nun abgesehen , vermutlich in der Macht des Menschen liegt.
  3. Die Erhaltung der Vielfalt der Arten, sofern dies in der Macht des Menschen liegt.
  4. …- mit diesem Wert tue ich mir schwer, deshalb lasse ich ihn weg.
  5. Die mögliche Solidarität des Menschen mit der Natur: die Bereitschaft also, ihr durch Pflege mindestens so viel zu geben, wie man ihr aufgrund der parasitären Struktur des Lebens nimmt. Die Rückgabe des eigenen Lebens im Tod genügt nicht, weil der Mensch kulturell den Überfluss sucht.
  6. Den Bedingungslosen Verzicht aller hochtechnisierten Länder auf den Krieg als Mittel der Politik.
  7. Die Kultur der Freiheit im Rahmen der Gerechtigkeit angesichts der Menschen und der Natur.

So komplex und weitreichend kann es für Lebensmittel-Anarchisten werden, einen Apfel zu produzieren oder zu essen.

Ich wünsche auf jeden Fall jeder Leserin die Energie und den Mut zu „denken“, beim Erwerb von Lebensmitteln.  Beim Essen rückt so – nach reiflicher Überlegung beim Erwerb – als Belohnung purer Genuss ins Zentrum! Regula Imhof, Gute Frücht



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